Die Kraft des Nichts: ein sehr merkwürdiger und interdisziplinärer Erfahrungsbericht

Bildquelle: Pixabay

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Am 30. November 2018 war ich im now in Berlin-Mitte eingeladen, für The School of Nothing einen dreistündigen Workshop zu gestalten und zu moderieren. „Die Kraft des Nichts“ lautete der Titel – und damit schloss sich gewissermaßen für mich ein Kreis:

Als ich im Alter von zwölf Jahren angefangen hatte Karate zu lernen, durfte ich eine Welt betreten, in der Zen, Kiai, Wu Wei, Qigong, Yoga und Reiki nicht nur neue Begriffe waren, es eröffneten sich für mich dadurch auch ganz neue Wege des Lebens. Für diesen speziellen, besonderen Novemberabend ergab sich daraus eine experimentelle Reise voller Energie „gen Osten” (Asien) und nach innen in fünf Etappen.

Ensō: ein Kreis schließt sich (aus dem Film „Arrival“)

Ensō: ein Kreis schließt sich (aus dem Film „Arrival“)

(1) KARATE UND KIAI – ERFAHRUNGEN MIT & OHNE LAUTSTÄRKE 

Mit einem kurzen Impuls zu den Begriffen Ki, Chi/Qi und Prana, die in Japan, China und Indien für Lebensenergie stehen, ging es weiter in Richtung Karate, was aus dem Japanischen übersetzt „leere Hand“ bedeutet.

Man spricht eigentlich von Karatedo, das wiederum „Weg der leeren Hand“ heißt – also ein Pfad zur persönlichen Entwicklung, kein Kampf. Ursprünglich kam Karate durch buddhistische Mönche aus Indien nach China und später Japan, es war zunächst eine „Gymnastik für angenehme Meditation“, auch hier ist also nichts Kämpferisches zu finden – ganz im Gegenteil.

Erst aufgrund des Waffenverbots in Japan im 15. Jahrhundert wurde aus den friedlichen Übungen eine Kunst der Selbstverteidigung entwickelt.

Der Samurai unter dem Bauchnabel

Im Karate gibt es den sogenannten Kiai, eine Art Kampfschrei, bei dem man die Energie in einem Punkt kurz unterhalb des Bauchnabels bündelt, der im Japanischen als Hara bezeichnet wird. Im chinesischen Qigong spricht man von Dantien oder Dantian, die Yogalehre kennt dieses Kraftzentrum als Sakral-Chakra.

Nach einer Aufwärm-Übung aus dem Improvisationstheater namens „Samurai“ waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Reihe: In Einzelsessions konnte der Kiai mit all seiner Kraft ausprobiert und erfahren werden. Wie sich das bei einem riesigen und furchteinflößenden Krieger anhören kann, zeigt das unten verlinkte Video. 

Im Anschluss – gemeinsam mit allen Teilnehmer:innen – wurde es dann sehr leise. Denn es folgte der „stille Kai”, bei dem man dessen Kraft in der vollständigen Lautlosigkeit ganz anders wahrnehmen konnte. Ein Video zum stillen Kiai ist ebenfalls unten zu sehen.

(2) AIKIDO: WIRKLICHES MITEINANDER STATT GEGENEINANDER 

„Der Gegner ist nicht mein Feind, er ist mein bester Lehrer und mein Partner.” Diese ganz persönliche Erkenntnis aus meiner aktiven Karate-Zeit bildete die Überleitung zum Aikido und führte zu Themen wie Respekt und Kooperation statt Konfrontation. Beim Aikido (japanisch für „Der Weg der Harmonisierung der Kräfte“), das als Synthese verschiedener Disziplinen erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts existiert, geht es insbesondere darum, die Energie des Gegners nicht wie beim Karate zu blockieren, sondern sie aufzunehmen, umzuwandeln und zu nutzen. (Wie das mit viel Dynamik aussehen kann, zeigt ein weiteres der unten verlinkten Videos.)

Ja, aber? Ja, und!

Die Philosophie von Aikido, das in enger Verbindung zum Zen steht, ist es, den Gegner nicht zu besiegen, sondern ihn zu Einsicht zu führen, so dass er von selbst den Kampf aufgibt. Und diese Idee lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. Erneut gab es zu Beginn eine Impro-Übung, die diesmal den Grundgedanken des Aikido aufnahm: von „Ja, aber!” zu „Ja, und …”. Dabei ging es um die Frage: Konfrontation oder Kooperation? In Zweier-Teams wurde ausprobiert, wie unterschiedlich sich diese beiden Strategien anfühlen können.

(3) QIGONG: STILLES STEHEN MIT BUNTEN BÄLLEN

Nachdem bereits zu Beginn über Prana, Chi, KI und Qi gesprochen wurde, kam jetzt zum eigenen Erleben das chinesische Qigong an die Reihe. Bei dieser Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform geht es darum, die Energie in sich zum Fließen zu bringen. Frei nach: „Die Macht ist es, die dem Jedi seine Stärke gibt. Es ist ein Energiefeld, das alle lebenden Dinge erzeugen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen.“  (So sagt es Obi-Wan Kenobi zu Luke Skywalker in „Star Wars: Eine neue Hoffnung”.)

Ganz bodenständig und voller Energie

In die Praxis umgesetzt und erfahrbar gemacht wurde Qigong durch zwei Übungen. Zuerst hieß es: Einfach nur stehen – nicht weniger, nicht mehr. Diese fünf Minuten vermeintlichen „Nichtstuns“ können es in sich haben. Wenn man anfängt zu schwanken wie ein Baum im Wind. Wenn man gleichzeitig die eigenen kraftvollen Wurzeln spürt und auch all die Energie, die dabei durch den Körper fließt. Genau diese Kraft wurde gleich darauf spürbar, in Form der „Übung mit der Energiekugel”. Hierbei waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeladen, sich jeweils ihren eigenen Ball vorzustellen, randvoll gefüllt mit positiver Energie, diese Visualisierung in die eigenen Hände zu nehmen, sie im besten Sinne zu begreifen. (Mehr dazu – genau unten im Video.)

(4) REIKI: HANDAUFLEGEN MIT DEN AUGEN FÜR MEHR GLÜCK 

Es folgte ein Impuls zum japanischen Reiki (übersetzbar mit „universelle Energie”), das üblicherweise mit Handauflegen gleichgesetzt wird. Doch es steckt noch mehr dahinter, neben dem Zugriff auf die Energie in uns selbst und um uns herum gibt es darüber hinaus auch noch fünf Reiki-Lebensregeln: Diese werden bezeichnet als „Der geheime Weg das Glück einzuladen“ – und erfreulicherweise sind sie gar nicht geheim (auch keine strikten Gesetze oder Gebote). Darin geht es um das Loslassen von Ärger und Sorgen, um das Empfinden von Dankbarkeit, um Aufrichtigkeit und Freundlichkeit. Jede dieser Lebensregeln beginnt mit „Gerade heute …” und man kann sich jeden Tag aufs Neue entscheiden, ob man sich daran orientieren möchte.

Der geheime Weg das Glück einzuladen

  1. Gerade heute ärgere ich mich nicht.

  2. Gerade heute sorge ich mich nicht.

  3. Gerade heute bin ich erfüllt von Dankbarkeit.

  4. Gerade heute arbeite ich aufrichtig an meinem Leben.

  5. Gerade heute bin ich freundlich zu allen Lebewesen.

(Aufgrund der Interpretationsvielfalt der japanischen Kanji-Zeichen gibt es zu den Reiki-Lebensregeln eine Vielzahl von Übersetzungsmöglichkeiten. Diese Fünf gefallen mir selbst am besten.)

(5) YOGA, WEIT MEHR ALS GYMNASTIK

Da sich Reiki nicht nur über die Hände, sondern unter anderem auch über die Augen aktivieren lässt, war dies eine passende Überleitung zum fünften und abschließenden Themenkomplex: Yoga und insbesondere Tratak.

In Kathmandu, der Hauptstadt von Nepal, hatte ich im Frühjahr 2017 durch Dr. Subodh Simkhada gelernt, dass Yoga weit mehr „als nur Gymnastik” ist. Insbesondere durch diesen großartigen Lehrer durfte ich in der Himalayan Yoga Academy erfahren, wie umfangreich die Yoga-Praxis verstanden werden kann – und sollte. Dass hierzu ebenfalls die Ausbildung des Humors gehört, hat Dr. Subodh täglich, deutlich, sehr fröhlich (und bis zur echten Albernheit) in seinem Unterricht vermittelt. Neben den zahlreichen Asanas (Haltungen/Figuren) wie herab- und heraufschauenden Hunden, Kobras, Tauben, Fischen, Löwen, Kriegern & Co. gibt es beispielsweise die Shatkriyas, die sechs yogischen Reinigungsübungen. Dazu gehören Tratak (Augen, Tränendrüsen), Neti (Nasenschleimhäute), Dhauti (Magen, oberer Verdauungskanal), Basti (Reinigung des Dickdarms), Nauli (Reinigung des Dünndarms) und Kapalabhati (Aktivierung des Atemsystems).

Wenn die Tränen fließen …

… dann muss das keineswegs für Traurigkeit stehen. Tratak (übersetzbar aus dem Sanskrit mit „ruhiges Starren“) dient der Reinigung unserer Augen und ist gleichzeitig eine Meditations- und Konzentrationsübung. Während man auf eine Kerzenflamme oder gerne auch einen Stern oder eine Blume „starrt” (blickt), versucht man möglichst wenig oder gar nicht zu blinzeln. Dass dabei der Tränenfluss angeregt wird, ist ein gewollter Nebeneffekt, der für eine Befeuchtung der Augen sorgt. Tipp: Empfehlenswert ist der Einsatz einer Öllampe, da ihre Flamme – im Gegensatz zu einer Kerze – kaum flackert.

Das Kopfkarussell wird ruhiger

Wenn es einem beim Tratak gelingt, dass man die Flamme betrachtet, dabei sich selbst und die eigenen Gedanken einfach „in Frieden lässt”, dann kann es durchaus passieren, dass es ganz still wird im Kopf. Und genau das ist der gewünschte Effekt beim Meditieren. Unser Gehirn ist wie ein Muskel, der sich in ständiger Anspannung befindet, selbst in der Nacht beim Schlafen passiert dort so einiges. Umso wichtiger ist es, dass man sich selbst solche Momente der geistigen Leere, Ruhe und des Friedens zwischendurch gönnt.

Für den Workshop war diese Viertelstunde des gemeinsamen „stillen Sitzens und Starrens” am großen Tisch ein gelungener Abschluss, bei dem geflossene Tränen durch deutlich angehobene Mundwinkel aufgefangen und ausgeglichen wurden.

Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen

Für mich selbst war dieser Abend im now eine ebenso spannende wie rundherum schöne Erfahrung – im besten Wortsinne „merkwürdig”: All diese vielfältigen Themen so kompakt erleb- und spürbar zu machen, ist definitiv eine Herausforderung gewesen – und ein ebenso großartiges Erlebnis wie Ergebnis. Anhand des Feedbacks im Anschluss und bereits durch die Resonanzen & Reflexionen der Teilnehmerinnen & Teilnehmer direkt während und nach den Übungen durfte ich den Eindruck mitnehmen, dass zumindest ein wenig von der Essenz aus Karate, Aikido, Qigong, Reiki und Yoga vermittelt werden konnte.

Karate & Kiai:

  • Erste Erkenntnis: Auch wenn man es „nur” mit sich selbst zu tun hat, erfordert ein lauter Kiai durchaus Mut und Überwindung.

  • Neugier: Wie klingen die anderen? Gerade dadurch, dass die Einzelübung in einem abgetrennten Raum durchgeführt wurde, während die anderen im vorderen Bereich warteten, wurde bei den „Nicht-Aktiven” eine neugierige Spannung aufgebaut: Wie wird wohl der nächste Kai klingen? (Den man trotz doppelt geschlossener Vorhänge über den Zwischenraum hinweg sehr gut hören konnte.)

  • Wenn der Moment kommt: Gleichzeitig kam mehrfach bei den Übenden die Frage auf: Wie werde ich selbst klingen? Und auch: Wann wird mein Kiai aus mir herauskommen? Insbesondere die Erfahrung, dass dieser kraftvolle „Urschrei” den richtigen Zeitpunkt selbst findet und „von selbst” kommt, war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ebenso spannend wie für mich.

Aikido:

  • „Ja, aber!” vs. „Ja, und …” – was war anstrengend(er)? Erstaunlicherweise beschrieben viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer die kooperative Variante des „Ja, und …” als größere Herausforderung. Sich in die Contra-Haltung von „Ja, aber!” zu begeben, also zu einem Vorschlag sofort ein Gegenargument zu finden, scheint uns Menschen leichter zu fallen, als ein Argument weiterzuführen und mit neuen, ergänzenden Ideen darauf aufzubauen. Möglicherweise steckt mehr von der Karate-Haltung als vom Aikido in uns. Aber: Das muss ja nicht so bleiben.

Qigong:

  • Beim stillen Stehen konnte beobachtet werden, dass es durchaus zu Schwankungen kommen kann, wenn man wirklich mal NICHTS tut. Genau diese Erfahrung, dass wir das Nichtstun kaum gewöhnt sind, dass unser Geist deutlich mehr auf Action als auf Stille steht, war für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer bemerkenswert.

  • Für mich als „Leerenden” war es wiederum sehr interessant zu beobachten, wie entschlossen und rasch sich alle Anwesenden auf die Energiekugel-Übung eingelassen haben – und wie schnell sie dadurch für alle erlebbar wurde. Vielen Dank für dieses Erlebnis.

Reiki:

  • Dass der geheime Weg das Glück einzuladen gar nicht so geheim (und außerdem recht simpel) ist, hat für viel Zustimmung gesorgt.

  • Offen – und damit für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer selbst zu beantworten – blieb die Frage, ob man Reiki lernen und sich traditionsgemäß dazu rituell einweihen lassen muss oder ob wir es nicht alle ohnehin von Geburt an können.

Yoga & Tratak

  • „Viertelstunde, zwei bis drei Minuten oder eine Ewigkeit?” Zeit kann sehr relativ sein, Einstein hatte also recht.

  • „Bei mir und bei Euch”: Man kann ganz ganz achtsam bei sich selbst sein – und trotzdem (vielleicht sogar: genau deshalb) die anderen Menschen im Raum miterleben.

  • Sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen ist immer eine gute Entscheidung.


Weiterführende Inhalte und Links:

Die siebenjährige Mahiro auf ihrem Weg des Karate: So kann ein Kai klingen.

Und so hört sich der stille Kiai an.

So kraftvoll und elegant kann Aikido sein.

Qigong: die Übung mit dem Energieball

Impressionen aus dem now vom 30.11.2018

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now – Zentrum für Achtsamkeit:
http://www.compassion.berlin


Hier geht es zu The School of Nothing:
http://www.theschoolofnothing.com

Buchempfehlungen

  • „Das Tao der Philosophie” von Alan Watts

  • „Weisheit des ungesicherten Lebens” von Alan Watts

  • „Zen – Stille des Geistes: Einführung in die Meditation” von Alan Watts

  • „Zen in den Kampfkünsten Japans” von Taisen Deshimaru-Roshi

  • „Za-Zen: Die Praxis des Zen” von Taisen Deshimaru-Roshi

  • „KI im täglichen Leben“ von Kōichi Tōhei

  • „Sandôkai – Die Einheit von Essenz und Erscheinung” von Taisen Deshimaru-Roshi und Sekito Kisen

  • „Das Reiki-Kompendium” von Walter Lübeck, Frank Arjava Petter und William Lee Rand

  • „Die Reiki-Lebensregeln”, herausgegeben von Frank Doerr

  • „Die Dynamik des Stillen Stehens” von Peter den Dekker

  • „Shaolin Qi Gong: Energie in Bewegung” von Shi Xinggui

  • „Dzogchen – der ursprüngliche Zustand” von Chögyal Namkhai Norbu 

  • „Gedichte von der verrückten Wolke” von Ikkyû Sôjun

  • „Tao Te Puh. Das Buch vom Tao und von Puh dem Bären” von Benjamin Hoff

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Andreas SteffenComment